Fallvignette

Gespräch mit besorgten Eltern

Frau Winter, eine 38-jährige Frau, die Sie als Hausarzt der Familie im Rahmen einer Abklärung wegen Kopfschmerzen fragen, wie es dem 15-jährigen Sohn Marco gehe, beginnt zu weinen. Sie macht sich Sorgen, weil er schlechte Noten heimbringe und sich nach mehreren Absagen nicht mehr um Lehrstellen bemühe. Er habe zugegeben, auch schon gekifft zu haben. Marco weigert sich, zu Ihnen zu kommen. Die Patientin möchte wissen, wie schlimm die Situation ist und wie sie sich verhalten solle.

Hier nützliche Informationen zur Vorbereitung dieses Gespräches:

  • Bei Informationen an Angehörige ist darauf zu achten, dass Cannabis und dessen Konsum weder verharmlost noch dramatisiert werden.
  • Von generellen Ratschlägen ist eher abzuraten. Am besten kann Marco selber über seine Lebenssituation und sein Konsumverhalten Auskunft geben. Falls dies nicht möglich ist, brauchen Sie von den Eltern die entsprechenden Angaben.
  • Zentral ist die Unterscheidung zwischen risikoarmem und problematischem Konsum (s.a. Warnzeichen problematischer Cannabis-Konsum)
    • Problematischer Cannabiskonsum:
      • beschränkt sich nicht auf Freizeit
      • führt zu gesundheitlichen Schäden (z.B. Unfällen)
      • findet in Risikosituationen statt oder
      • hat negative Auswirkungen im Leistungsbereich
      • findet meist alleine und nicht mehr in der Gruppe statt
      • kann zu unspezifischen Warnzeichen führen: 
        • Bauch- und Kopfschmerzen
        • Schlafstörungen
        • Depressivität
        • Ängstlichkeit
      • die wiederum zu:
        • Fehlzeiten in der Schule oder am Arbeitsplatz,
        • Konflikten,
        • Aggressivität und
        • Delinquenz führen können.
    • Cannabiskonsum hat möglicherweise auch die Funktion einer Selbstmedikation, so dass die Hinweise im Hinblick auf eine zugrundeliegende psychische Störung geprüft werden sollten. Allenfalls ist eine jugendpsychiatrische Beurteilung zu veranlassen, vor allem wenn sich die Frage einer ADHS oder Psychose-Entwicklung stellt.
  • Falls Sie dieses Gespräch nicht selber führen wollen, kann dies die regionale Suchtfachstelle übernehmen. Suchtfachstellen bieten auch weitergehende und/oder ergänzende Unterstützung sowohl für Jugendliche mit einem problematischen Konsum als auch für Angehörige an.
  • Für die Durchführung des Gesprächs sind Techniken der Motivierenden Gesprächsführung hilfreich.
  • Hier finden Sie ein mögliches Vorgehen für einen ambulanten Entzug.
  • Weitere Hinweise zur Behandlung unter: Interventionsmöglichkeiten Cannabis.
  • Sucht Schweiz hat ausgewogenes Informationsmaterial für Angehörige und Konsumierende, das sich zur Abgabe eignet (Flyer Cannabis, Im Fokus Cannabis, Fragen und Antworten zu Cannabis, Cannabis mit Jugendlichen darüber sprechen).

 


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